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Permanent ReDesign

Begleitender Ausstellungstext

Permanent ReDesign - es kommt niemand darum herum, Heimat für sich zu definieren. 

Ein kurzer Essay über "Heimat" von Sonnja Genia Riedl.

 

Heimat 

Heimat. Dieser Begriff scheint Gegensätze zu vereinen. Er hat etwas überirdisch-Heiliges, gleichzeitig etwas irdisch-Existenzielles. Heimat hat eine äußerst persönliche Seite - es ist immer auch die "eigene" Heimat dabei. Heimat hat ebenso etwas Großes: der Mensch will eingebettet sein in ein großes Ganzes, in etwas Universelles. Dann fällt einem der "röhrende Hirsch" ein, Plaketten für eine intakte, heimische Natur, oder Turbo-Kitsch-Nippes, die plakativ in Plastik gegossene Aspekte von "Heimat" zeigen, wie etwa kleine Talisman-Figuren, Klichée-Bilder und oberflächliche Zitate einer Region oder einer Kultur. 

Heimat ist ein schwer zu fassender Begriff und gleichzeitig wirkt er unabkömmlich. "Heimat ist, wo man ist", schreibt Burcu Dogramaci in ihrem neuen Buch über die künstlerische Spurensuche. Ist doch Heimat nicht nur ein relevantes Thema in der Kunst, sondern ein humanes Thema, mit der menschlich typischen Spurensuche zu sich selbst, zu anderen und zu Gott in uns.

 

Wer sind wir, woher kommen wir?

"Wer sind wir, woher kommen wir?" lautete eine Kernfrage des Stammbaum-Projekts der Fachschaft Geschichte des Staffelsee-Gymnasiums Murnau, das die Herkunftsorte der Eltern, Großeltern und Urgroßeltern aufzeigt. Bei Google-Maps flackern diverse weit verstreute Punkte auf, die sich zwar auf ein Hauptgebiet konzentrieren, insgesamt betrachtet aber territorial erstaunlich weit streuen (vgl. sgmu.de, beim Fach Geschichte). Was genau ist also "Heimat"? Dieser Begriff deutscher Herkunft ist in anderen Sprachen in dieser Form nicht umstandslos übersetzbar.

 

Heimat und heimatlos

Was sind die Konnotationen und Assoziationen zu "Heimat"? Ist Heimat nun etwas vorwiegend Äußerliches oder eher Innerliches oder unbedingt beides? Die Schwerpunkte wird wohl jeder für sich selber setzen. Aber es bleibt jedem die wichtige Frage zur eigenen Beantwortung: Was ist meine Heimat konkret? Wann fühle ich mich daheim? Hängt es an einem Ort - an einem "Wo"? Was bedeutet dann heimatlos zu sein? Oder ist es so, dass das Unstete, Nomadische auch eine Konstante sein kann, wie die Kunsthistorikerin Dogramaci schreibt? Was ist das für ein Gefühl, zuhause zu sein - wie fühlt es sich in mir an?  Und ist ein Zuhause-Gefühl nicht immer auch ein "wir"? Wann befinden wir uns im daheim? Das "ich" und das "wir" - wann bedingt es gegenseitig ein Zuhause, wann setzt die Störung ein, bis zu dem Erleben unzähliger Differenzen, wo Fronten aneinanderprallen und Menschen fliehen und die Heimat verlassen? 

 

Die Wohnungsfrage 

Die Wohnungsfrage war schon vor der Eskalation der Flüchtlings-Zustroms nach Deutschland ein großes Thema, was in der Architektenkammer in München in einer Diskussion um Genossenschafts-Wohnungen und Sozialen Wohnungsbau thematisiert wurde. "Housing is a human right" - Diese Schrifttafel konnte man in der Ausstellung 'Wohnunungsfrage' in Berlin lesen. Auch die Ausstellung "ZOOM!" über Architekturphotographie in München im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne zeigte desolate Zustände - von der seriellen Anlage in Mexiko, den 'Rooftop communities' in Hongkong oder Cairo oder den Armenvierteln in Afrika - sei es Kamerun oder Nigeria. Heimat ist eine gesellschaftliche und politische Definition, nicht zuletzt im neuen Asylbeschluss der Bundesregierung. Die finanziellen und territorialen Erwägungen für einen Schutz der Heimat sind strenger geworden, denn die Ressourcen haben ihre Grenzen. 

Heimat ist ein großer Begriff, hat er doch in so mannigfaltigen Bereichen Bedeutung. Er gilt auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene. Schon lange und noch viel länger wird er uns in Atem halten in dem praktischen aktuellen Thema der Flüchtlingskrise. Privat hat der Begriff ohnehin formuliert oder unformuliert eine elementare Bedeutung seit man auf der Welt ist, oder schon lange davor oder danach. Wo beginnt und endet "mein Bereich", "mein Haus", "mein Land" oder wo beginnt die von mir gewählte Definition meines "Ego"? Müssen wir den Begriff "mein" und "ich" universeller verstehen, wie etwa als ein kollektives Ich-Bewusstsein, wie schon vor Jahrzehnten Neale Walsch in seiner Buch-Serie "Gespräche mit Gott" vorgeschlagen hat? Trotzdem bleibt ja momentan die Frage nach dem rechten Umgang mit den Flüchtlingsmassen und der großen Diskrepanz der Haltung zum Asylrecht von Deutschland und vielen anderen Ländern. "Now, speak to your leader" sagt Raoul Teodoro - und - "Pain is a door."  Ja, aber wohin? Müssen Waffenhandel und Frauenrechte und dergleichen mehr nicht vor Visa-Anträgen von Wirtschaftsflüchtlingen oder einer Bedarfsdeckung des großen Fachkräftemangels diskutiert werden?

 

Wo komme ich her, wo will ich hin?

In unseren Zeiten von Globalisierung und Einwanderung hat Heimat im individuellen Bezug eine besondere Relevanz. Die Selbstidentifikation sucht man als Mensch ja doch immer wieder neu, sowohl persönlich als auch insbesondere über eine gesellschaftliche Zugehörigkeit. Da sind auch kulturelle Traditionen und überlieferte Werte ein Anzeiger, in welchem Bereich Heimat angesiedelt wird, und sicherlich auch schlichtweg die (tägliche) Sprache und Kultur. 

Für meinen Vater und meine Großmutter väterlicherseits ist und war Heimat sehr stark das reale Zuhause und Haus, in dem man wohnt. Als Kriegsgeneration hat das auch nocheinmal eine andere Dimension. Als Scheidungskind mit zerrütteten Familienbeziehungen war Heimat für mich natürlich der Ort, wo und mit wem ich wohne und versorgt bin, darüber hinaus aber hatte mein innerer Bezug zu Menschen und Freunden bzw. Freundinnen, die ich mochte und die mir nah waren eine starke Bedeutung in meiner jugendlichen Selbstorientierung und der Suche nach der Definition von Selbst. 

Unsere jungen Menschen beschäftigt Heimat in besonderer Weise, weil man sich in jugendlichem Alter höchst dynamisch entwickelt und wiederholt Identifizierungen für das eigene Selbst sucht. Überdies will und muss man sich in ferner oder naherer Zukunft auch beruflich einordnen. Heimat und Berufswahl hängen eng zusammen, ganz praktisch dann auch wegen dem Ort der Ausbildung bzw. des Studiums. Da fällt dann die Umstellung vom möglicherweise stillen heimatlichen Wohnen an den schönen Bergen mit See zu einer immer wieder lauten oder rastlosen Großstadt nicht unbedingt leicht.

 

Permanent ReDesign

Der eigene Begriff von Heimat ist eine Sache aktiver Selbstdefinition. Und auch bei scheinbar ruhigem Verweilen ist die wiederholte Bestätigung bereits ausgesprochener Selbstdefinitionen eine tägliche Angelegenheit. Der eigene Entwurf des Lebens ist ein beständiger Prozess wie das Leben selbst. Er will ständig erneuert und bekräftigt werden - mit allen Details. Permanent ReDesign. Die Definition und Re-Definition von Heimat ist also etwas Permanentes - im besten Falle so dynamisch wie Atmen, Essen und Trinken - etwas Elementares. Im schlechtesten Falle zeigt sich beim prüfenden Blick auf die innere Heimat und Suche nach der eigenen Mitte ein Kennzeichen von Stagnation und Resignation. Es kommt also niemand darum herum, Heimat für sich zu definieren. Ein Freund hat mir mal gesagt "Die Auffassung des Todes bestimmt das Leben". Mit der Heimat ist es analog. Das eigene Bewußtsein über die heimatliche Quelle bestimmt die Ausrichtung und das Ziel allen Lebens. Die religiöse Ebene von Heimat ist die grundlegende Suche nach Zugehörigkeit und religio (lat.) hat ja etwas mit Rückführung des eigenen Selbst zum Ursprung allen Lebens zu tun, verknüpft mit der wichtigen Frage: "Wo komme ich her?" Diese Frage stellt man sich vermutlich immer wieder in besonders andächtiger Weise, wenn man den Wolken ganz nah ist, wie im National Museum in Brasilien oder in einer Berghütte zwischen riesigen Bergketten, wo man zurückgeworfen ist auf sich selbst inmitten der mächtigen Natur.

Heim und Heimat

In Kunst und Design ist Heimat im engeren oder weiteren Sinne ein wichtiges Thema - in diversen Gattungen. Die Gestaltung des eigenen Heims betrifft den Bereich der Architektur und der Innenraumgestaltung, der Möbel und Designobjekte. Offenes Wohnen, fliessender Raum, Spiel mit Flächen und Proportionen, Farben und Formen - das 'interior design' kann ästhetisch hoch punkten, wenn es an Geld nicht mangelt, wie bei Projekten von Eigen Huis, Ludwig Mies van der Rohe oder dem Japaner Toyo Ito. Architektur-Lösungen im Low-Budget-Bereich hingegen sind eine Kunst ganz anderer Art. Wie kann ich mit flachen Finanzen eine Architektursprache mit Atmosphäre erreichen?

 

Heimat und das Fremde

Und dann ist da noch die Beobachtung, dass sich Gegensätze anziehen, und das Fremde eine eigentümliche Anziehungskraft ausübt. Das Eigene und das Fremde oder angeblich Fremde ist in jeder Beziehung ein aufschlussreicher und spannender Blick auf ständige Überraschungen. Nichts liegt näher, als im Gespräch und in der Sicht von Welt von sich selbst auszugehen - von den eigenen Erfahrungen, die aus den eigenen Wahrnehmungen resultieren auf Grundlage dessen, was man für möglich hält. Empathie, Meta-Reflexion über sich und eine Portion Humor können helfen. Nicht umsonst sagte Albert Einstein "Imagination is more important than knowledge." Die Vorstellungskraft ist etwas höchst Kostbares für das Bewußtsein, und die kindliche mentale und emotionale Kraft in aller Phantasie und Utopie ist gesellschaftliches Kapital.

 

Alles was du willst/ Everything you want

Unsere junge Generation braucht die Vergegenwärtigung, dass wir alles gestalten - ob wir uns dessen bewußt sind, oder nicht. So, wie Paul Watzlawick sagte: "Man kann nicht nicht kommunizieren". Und: "Ein gutes Bild zwischen schlechten Bildern ist ein schlechtes Bild." ist ein Ausspruch von Pablo Picasso. Der Wechsel vom "iconic-turn" zum "curatorial turn" (vgl. Dr. Thorsten Meyer) der Kunstpädagogik hat seine guten Gründe. Der zeitgemäße Mensch soll sich befähigt sehen, Haltung zu beziehen in der gesellschaftlichen Bilderflut. Und wenn man nur einen Hammer hat, dann sieht nunmal jedes Problem wie ein Nagel aus. Kunstpädagogische Hilfen für eine feinsinnige differenzierte Betrachtung von Welt und sich selbst haben also ihre wichtige Aufgabe. Und - wie Steve Lambert in der Ästhetik urbaner Leuchtreklame sagt: "Du kannt alles erreichen, was du willst. Jetzt sofort!"/ "Everything you want. Right now!" Bedeutet das, dass die Heimat in mir selber liegt und jeden Moment neu erschaffen wird? Die Schönheit liegt ja bekanntlich im Auge des Betrachters, und die konstruktive Weltsicht auch. Und somit sagt Austin Kleon zu recht: "you make everyone else everyone else" - und: "I write what I want to read" (vgl. austinkleon.com). Das bedeutet für die Kunst auch: Ich erfinde mir die Welt so, wie ich sie gerne vorfinden würde. Und diese guten Geschichten oder Bildergeschichten, zeige sie uns. 

Wie wär's also mit einem Blog für die Kunst, für meine Heimat, für unsere Heimat und für die, die gerade noch heimatlos sind?

 

Brauchen wir Heimat?

Brauchen wir Heimat? Ja, weil wir in einem Körper wohnen beziehen wir uns auf Orte und Räume. (vgl. Psychologin B. Mitzscherlich in Zöller, 2015). Und weil wir seelische Wesen sind mit dem Bedürfnis nach Gemeinschaft, Nähe und Dialog. Die Grundform des Kreises ist eine archaische Form hierbei. Das machen sich weltberühmte Architekten wie Herzog & Demeuron und ihr Team auch nicht umsonst zunutze, wie z.B. beim Basel Convention Center oder bei der Allianz-Arena in München. 

Vorhandene Gestaltungsformen ironisch oder anderweitig aufzubrechen ist sicher auch die Aufgabe der Kunst. Erinnert nicht das Tourist Information Centre des Japanischen Star-Architekten Kengo Kuma an aufeinandergetürmte Satteldach-Häuser - ähnlich wie beim Vitra-Design-Museum, und doch anders? Welche Funktion hat die jeweils lokale Bauordnung, die das Ortsbild angeblich schützen soll? Integriert eine womöglich repressive Gestaltungssatzung auch progressive Tendenzen einer anspruchsvollen Architektur? Wenn nein, warum nicht? Der Generationenwechsel steht noch aus und vor der Tür.

Sonnja Genia Riedl

 

 


Literatur

Diamond, Jared, Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, 1999, Fischer Taschenbuch

Dogramaci, Burcu, Heimat. Eine künstlerische Spurensuche, 2016, Wien

Lepik, Andres; Hilde Strobl (Hg.), ZOOM! Architektur und Stadt im Bild | Picturing Architecture and the City, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2015

Heinze, Martin (Hg.), Dirk Quadflieg (Hg.) und Martin Rührig (Hg.), Utopie Heimat. Psychatrische und kulturphilosophische Zugänge, Parodos-Verlag 2006

Saunders, Doug, Die neue Völkerwanderung. Arrival City. Pantheon-Verlag 2013 (2011 engl. orig.) 

Schlink, Bernhard, Heimat als Utopie, suhrkamp-Verlag, 2000

Tolle, Eckhart, Eine neue Erde, Arkana-Verlag 2005

Türcke, Christoph, Heimat - eine Rehabilitation. 2006
Walsch, Neale Donald, Gespräche mit Gott, Goldmann-Verlag 1997 (1996 engl. orig.)

Zöller, Renate, Was ist eigentlich Heimat? Annäherung an ein Gefühl, Ch. Links Verlag, 2015

 

web-Links

monopol-magazin.de/architekturmuseum-gestaltet-ausstellung-auf-biennale-venedig | Das Deutsche Architekturmuseum (DAM) gestaltet auf der Architektur-Bienneale 2016 in Venedig die Ausstellung im Deutschen Pavillon. Der Titel der Ausstellung: "Making Heimat. Germany, Arrival Country." Thema werde die Frage sein, was eine gut gestaltete Ankunftsstadt für Flüchtlinge und Migranten ausmache: "Wie werden aus den Neuankömmlingen gesellschaftlich integrierte Bürger? Und welchen Beitrag können Architektur und Städtebau in diesem Prozess leisten?"

hkw.de/de/programm/projekte/2015/wohnungsfrage/ausstellung_wohnungsfrage/wohnungsfrage_ausstellung.php | Thema (u.a.): Zunehmender Konflikt zwischen Immobilien als Investitionsfeld und Wohnen als Menschenrecht.

kunstforum.de/lesen/artikel.aspx?z=iv&a=236117&li=i&utm_source=Empf%C3%A4nger+Nachrichten&utm_campaign=35cd93abad-Gregor_Schneider11_6_2015&utm_medium=email&utm_term=0_4d61337e12-35cd93abad-127916513

architekturmuseum.de/en/exhibitions/archive/2015/zoom-architektur-und-stadt-im-bild/  

architekturmuseum.de/ausstellungen/archiv/2015/zoom-in-on-architecture/  

architekturmuseum.de/ausstellungen/aktuell/urban-think-tank/ 

whtsnxt.net/246 | What's next: Für einen Curatorial Turn in der Kunstpädagogik. (Dr. Thorsten Meyer)

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